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Rechtsanwalt Linzer berichtet aus seiner Mobbing-Sprechstunde


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Rechtsanwalt Linzer berichtet aus seiner Mobbing-Sprechstunde

18. August 2005 | erstellt von Rechtsanwalt Linzer berichtet aus seiner Mobbing-Sprechstunde

Seit Juli 2004, also seit genau einem Jahr, kommen Rat- und Hilfesuchende in meine Mobbingsprechstunde. Genau so lang biete ich auch telefonischen Rechtsrat unter mobbing-telefon.de. Zeit für ein Zwischenresumee.

Mehr als 100 Mandanten nahmen seit 07/2004 Mobbingberatung bei mir in Anspruch. Lediglich zwei Fälle betrafen Mobbing in einem Verein, der Rest der Fälle betraf Mobbing am Arbeitsplatz. Mehr als 90 % der Mobbing-Betroffenen fühlten sich von ihrem Vorgesetzten gemobbt. 2/3 meiner Mandanten in der Mobbingberatung sind Frauen, 1/3 Männer. Fast alle Mandanten litten auch unter den gesundheitlichen Folgen des Mobbing (körperliche und/oder psychische Probleme).

Nur in den Fällen, in denen die Mobbinghandlungen letztlich in einer arbeitgeberseitigen Kündigung gipfelten, entschieden sich meine Mandanten für eine gerichtliche Auseinandersetzung. Solche Arbeitsgerichtsverfahren endeten allesamt in Vergleichen: Beendigung des Arbeitsverhältnisses gegen Zahlung einer Abfindung.

Bei fast allen Mobbingberatungen liegen Anhaltspunkte für Mobbing vor, wenn man die Liste der 45 Mobbing-Handlungen nach Leymann zugrundlegt. Auch unter Zugrundelegung der Mobbing-Definition des LAG-Thüringen finden sich fast durchweg Anhaltspunkte für Mobbing.

Typischerweise existieren rechtliche Probleme im Bereich der Darlegungslast und Beweislast. Viele Mobbing-Betroffene können sich nicht mehr erinnern, wann genau die einzelnen Mobbinghandlungen vorgekommen sind oder es sind keine geeigneten Beweismittel (Urkunden, Zeugen) vorhanden. Wenn Zeugen vorhanden sind, sind dies oft Arbeitskollegen, von denen man annimmt, sie würden aus Angst um den Arbeitsplatz eher zugunsten des Arbeitgebers aussagen.

Bislang gab es auch öfters Schwierigkeiten, dem Vorgesetzten vorsätzliches Handeln nachzuweisen („fahrlässiges Mobbing“ gibt es nicht). Das LAG Thüringen hat in seinem Urteil vom 28.06.2005, Aktenzeichen 5 SA 63/04 eine Beweiserleichterung geschaffen. Der Vorsatz des Täters soll sich danach regelmäßig auf die psychosoziale Destabilisierung des Opfers erstrecken. Auf deutsch: wer schikaniert, will den anderen psychisch und sozial schädigen.

Je komplizierter die Beweislage und Rechtslage ist, umso wichtiger wird die individuelle Beratung und das Coaching des Mandanten. Nach der Aufnahme des Sachverhaltes und der rechtlichen Analyse schliesst sich daher an die Frage nach den Zielen des Mandanten und seinen Handlungsalternativen.

Hier ist typisch, daß den Mobbing-Betroffenen ihre Ziele und Handlungsmöglichkeiten meist unklar sind. Wesentlicher Teil der Mobbingberatung ist daher die Klärung der individuellen Ziele und die Erarbeitung der Handlungsalternativen. Möchte der Mandant um jeden Preis in der Firma bleiben? Möchte er einen anderen Arbeitsplatz? Findet er einen anderen Arbeitgeber? Will er sich selbständig machen? Erst, wenn dem Mobbing-Betroffenen klar wird, was seine Ziele sind und über welche Handlungsmöglichkeiten er tatsächlich verfügt, ist es ihm möglich, selbst zu agieren und nicht nur als Mobbing-Opfer reagieren zu müssen.

Wichtig ist an dieser Stelle die Zusammenarbeit des Rechtsanwalts mit dem Hausarzt. Es macht z.B. keinen Sinn, einen arbeitsunfähig erkrankten Arbeitnehmer an den Arbeitsplatz zu schicken, um auf Arbeitgeberseite „Druck aufzubauen“. Druck baut sich dann nämlich auch beim Arbeitnehmer auf, was fast immer eine Verschlimmerung des Krankheitsbildes zur Folge hat.

Anwaltliche Schreiben und Unterlassungsaufforderungen, oft als Allheilmittel angepriesen, erzeugen ebenfalls Druck auf den Arbeitgeber, der naturgemäß oft wiederum Gegendruck auf den Arbeitnehmer erzeugt. Der Mandant muss hierauf hingewiesen werden und mental stark und gesundheitlich fit genug sein, eventuellen Gegendruck auszuhalten. Im fortgeschrittenen Mobbing-Stadium ist das häufig nicht mehr der Fall.

Falls der Mandant gesundheitlich nicht in der Lage ist, weiteren Druck von Arbeitgeberseite auszuhalten, sollte die Option „raus aus dem Konflikt“, entweder mit ärtzlicher Hilfe über eine Zeit der Arbeitsunfähigkeit und/oder Rehabilitationsmaßnahmen oder im Wege des freiwilligen Ausscheidens diskutiert werden. Letzteres muss gegebenfalls mit der örtlichen Bundesagentur für Arbeit abgestimmt sein, der man einen wichtigen Grund für die Aufgabe des Arbeitsplatzes darlegen muss, um den Eintritt einer Sperrzeit beim Bezug von Arbeitslosengeld zu verhindern. Typischerweise wird dieser Weg vom Mandanten irrigerweise als Weglaufen oder Aufgeben empfunden. Hier hilft unter Umständen ein Hinweis auf die Verantwortung für die eigene Gesundheit oder fernöstlichen Kampfsport: im „Ju-Jutsu“bedeutet „Ju“ nachgeben oder ausweichen und „Jutsu“ Kunst oder Kunstgriff. Ju Jutsu ist demnach die Kunst, der Kraft des Gegners nachzugeben und sie somit ins Leere zu leiten.

Wenn der Mandant „aus der Schussbahn“ des Vorgesetzten ist, ist der Zeitpunkt für anwaltliches Handeln günstig. Druck auf den Arbeitnehmer kann kaum noch ausgeübt werden. Ich empfehle meinen Mandanten die Anschaffung und Vorschaltung eines Anrufbeantworters, um Telefonanrufe des Arbeitgebers nicht annehmen zu müssen. Jetzt kann der Rechtsanwalt rechtliche Schritte einleiten.