Interview mit Joshua Browder: Was wird aus DoNotPay?

Verfasst von Christian Schebitz am 25. August 2017

Foto von Joshua Browder, DoNotPay

Zu Joshua Browder

Die BBC nannte ihn bereits den Robin Hood des Internets. Das Magazin „Forbes“ nahm ihn in die 30 wichtigsten Personen des Jahres 2017 auf.

Joshua entwickelte nach seinem Abitur 2015 den Chatbot „DoNotPay“, welcher kostenlos rechtliche Dokumente erstellt, mit deren Hilfe zunächst Parktickets abgewehrt werden konnten. Das dürfte einer der ersten  RobotLawyer (also eine Software, die automatisch Probleme von Rechtsuchenden löst) sein, der in der Breite erfolgreich eingesetzt wurde. Über 300.000 User gewann er damit, löste unzählige Rechtsprobleme kostenlos. Mittlerweile baute er die Plattform auf über 1.000(!) Rechtsnischen aus. Im Folgenden gebe ich den Inhalt eines Interviews wider, welches am 5. Juni 2017 mit ihm stattfand:

Joshua: „RobotLawyers haben bislang noch keinen Bereich vollends übernommen. Das wird aber noch reifen…“. Juristische Chatbots haben, seiner Überzeugung nach, noch eine großes Potential, Joshua will noch viele weitere herausbringen!

Warum und wie er DoNotpay entwickelte

Er baute mit 18, in der Wartezeit zwischen Highschool und Uni, seinen Chatbot „DoNotPay“! Nachdem er seinen Führerschein bekam war er ein „fürchterlicher Autofahrer“. Nach den ersten 4 Bußgeldbescheiden (Tickets) sagten ihm seine Eltern, sie würden keine weiteren bezahlen. Es folgten jedoch viele weitere und er konnte sie sich nicht leisten. Joshua erforschte, zu welchen Bereichen die meisten Tickets vergeben werden. Dann schrieb er für sich die jeweiligen Briefe an die Verkehrsbehörde. Das funktionierte so gut, dass er sich ein System aufsetzte, welches im die jeweiligen Dokumente direkt für jeden Verkehrsverstoß generierte. Da er damit sehr erfolgreich war, dauerte es nicht lange bis in Verwandte, Bekannte sowie seine Freunde um Hilfe in Verkehrssachen baten.

Etwa die Hälfte seiner Tickets bekam er „aus unfairen Gründen“. Er stellte fest, dass die Behörden häufig Tickets nur deswegen vergaben, weil sie eine zusätzliche Einnahmequelle waren. Das förderte seine Motivation dagegen vorzugehen immens! Er scheint ein sehr sensibles Unrechtsbewusstsein entwickelt zu haben.

Welche weiteren juristischen fragen kann (s)ein Chatbot lösen?

Ähnlich einfach empfand er die Möglichkeit Kompensationen für verspätete Flüge u.ä. zu bekommen, denn auch dafür gibt es Standardprozeduren. Weitere Optionen sieht er z.B in Chatbots gegen Vermieter, welche die Kaution nicht herausgeben, Banken die zu hohe Gebühren verlangen, oder auch um Obdachlosen kostenlose Übernachtungsmöglichkeiten zu beschaffen.

Sein neuester Coup ist ein Chatbot für Flüchtlinge, um Asyl in den USA oder UK zu beantragen. Seit 10. Juli 2017 sind seine Chatbots in der Lage rund 300 juristische Nischen zu bearbeiten! Nach wie vor, soll alles für Rechtssuchende kostenlos bleiben! Und auf jeden Fall vollautomatisiert. Der Chatbot fragt den Rechtsuchenden gewisse Standards ab und erstellz daraus die passenden Dokumente. Nicht nur dass es kostenlos ist, es hilft ohne Termin und sofort! (Anmerkt. d. Autors: Ich denke schon, dass man als Rechtsanwalt durchaus darüber nachdenken sollte welche Auswirkungen das auf den Markt für Rechtsberatung haben wird.).

Wie entwickelt er DoNoPay weiter?

Für seine Arbeit kooperiert er mit drei Rechtsanwaltsgehilfen(!), sogenannten „Paralegals“. Für die Analyse der Fragen setzt er die IBM Technologie „Watson“ ein. Letztere ist er sehr dankbar kostenlos nutzen zu dürfen, weil er „kein genialer Coder“ ist aber damit auf sehr wichtige Algorithmen zurückgreifen kann. Seiner Meinung nach demokratisiert Watson die Technologie! Denn damit benötige man keinen Hochschulabschluss mehr unser effiziente Software-Algorithmen zu entwickeln.

Die Kosten seines gesamten System belaufen sich übrigens auf weniger als 1.000 U$ (!) im Monat, „wenn man es richtig macht“!

Hier ein Video über die Funktionalitäten:

 

Welches Geschäftsmodell liegt hinter DoNotPay?

Von Beginn an hat er versprochen, dass er seine Services den Rechtsuchenden niemals in Rechnung stellen wird und er beabsichtigt dieses Versprechen auch einzuhalten. Trotzdem ist er gerade dabei ein Geschäftsmodell für DoNotPy zu entwickeln, denn um die Systeme am Leben zu halten und weiter auszubauen bedarf es natürlich frischen Geldes.

Browder’s aktuellste Idee ist es für spezielle Rechtsbereiche Sponsoren zu finden, die dafür eine monatliche Gebühr zahlen und als Gegenleistung das Branding erhalten. Er denkt dabei an 300-500 Bots, welche er an Sponsoren vermieten möchte.

Welche zukünftigen Rechtsprobleme löst DoNotPay demnächst?

In welchen Bereichen denkt Joshua, dass er Rechtsuchenden kostenlos helfen möchte? „Zunächst“ möchte er alle gerichtlichen Prozesse außen vor lassen. Alles, was jedoch mit der Erstellung von Dokumenten zu tun hat, sieht er sich gerade genauer an.

Der zweite Punkt ist die Prüfung ob eine Rechtssache einklagbar ist oder nicht. Ergänzend wird er Schnittstellen nutzen um Forderungen an Behörden und die Regierung automatisch generieren zu können. Aber nur so lange, wie der Rechtssuchende ohne zusätzliche Hilfe, basierend auf der Automatik der Chatbots, sein Anliegen selbst vortragen kann. D. h. ein Dokument automatisch erstellen, ausdrucken und selbst an die Behörde schicken.

Wird DoNotPay bald kostenpflichtig?

Keinesfalls möchte er z.B. kostenpflichtige Services ergänzen, mit deren Hilfe man für wenig Geld das Dokument auch direkt automatisch versenden könnte. Denn das würde seiner Philosophie der kostenlosen Rechtsberatung nicht ausreichend entsprechen.

Wie kam es zum “Chatbot”?

Ursprünglich basierte sein System auf reinen vorformulierten Fällen mit vorgegebenen Antworten. Schnell stellte Joshua fest, dass viele Rechtssuchende damit nicht klar kamen weil sie nicht exakt ihre eigene Formulierung in der Abfrage fanden. Deshalb ergänzt er einen Chatbot mit dessen Hilfe jeder mit seinen eigenen Worten eine Frage formulieren kann. Die „Intelligenz“ des hinterlegten Systems filtert dann die passenden Antworten heraus, denn schließlich müssen sie juristisch exakt formuliert werden um rechtliche Relevanz zu erlangen. Das bezeichnet Joshua als eine „große Herausforderung“, lässt aber gleichzeitig keinen Zweifel daran dass er sie meistern wird!

Auf die Frage, was in jedem juristischen Chatbot unbedingt vorhanden sein müsse antwortete Joshua: „wir befinden uns derzeit noch im wilden Westen der juristischen Chatbots“. Schließlich verlange jedes Rechtssystem nach eigenen Formularen und eigenen Formulierungen. Es gelte also das System für die verschiedenen Rechtssysteme der vielen Länder anzupassen.

Anmerkung des Autors: Eine Expansion in weitere Länder ist offensichtlich geplant! DoNotPay ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie man völlig neue Systeme in den Markt lanciert: Nämlich indem man zunächst eine Nische besetzt. Im oben genannten Fall waren es Parktickets. Sobald sich das neue System als erfolgreich erweist, füllt man die nächste Nische aus usw.. So kann man mit verhältnismäßig geringen Investitionen und Risiken neue Märkte, Schritt für Schritt, erschließen. Auch Kanzleien könnten so voranschreiten, wenn sie eigene Rechtsprodukte bzw. Rechtsservices entwickeln!

Was ist die Vision hinter “DoNotPay”?

Joshua ist es besonders wichtig jedem Menschen den Zugang zu Rechtsberatung zu ermöglichen. Deshalb arbeitet er auch daran Rechtsfragen in Fällen eskalieren zu können, in denen der Chatbot und Watson alleine nicht weiterkommen. Für diesen Fall sollen als Back-up jeweils Rechtsanwälte oder Kanzleien zur Verfügung stehen, welche die rechtlichen Fragen tatsächlich lösen. (Anmerkung: das werden viele Anwälte gerne lesen 😉

Ein weiterer wichtiger Punkt in seinem System ist die örtliche Lokalisierung von rechtlichen Problemen. Schließlich haben Bundesländer und Gemeinden ihre eigenen Vorschriften, die es zu erfüllen gilt. Es muss also Wege geben zu ermitteln wo sich der Rechtsuchende befindet und dafür Sorge getragen werden, dass auf die entsprechenden Gesetze eingegangen wird. Joshua macht es erfolgreich über die IP-Adresse des Rechtsuchenden (eine sogenannte Geolokalisierung). Er bietet dann automatisch die vor Ort gültigen rechtlichen Antworten an.

Wie können Anwälte am Markt teilnehmen?

Rechtsanwälten, die eigene Rechtsservices online stellen wollen, empfiehlt Joshua sich einen eigenen Programmierer/Coder zu beschaffen, und mit ihm gemeinsam ein Produkt entwickeln (z. B. über „Upwork“. Er findet, dass die derzeit auf dem Markt befindlichen Systeme nur selten eine Usability erreichen, die den Rechtsuchenden tatsächlich dabei unterstützt die richtigen Antworten zu bekommen. Rechtsanwälten scheint er dagegen zuzutrauen die Probleme derart zu lösen, dass sie auch für Rechtssuchende funktionieren.

Seine Programmiersprachen sind übrigens O.js, jobscript, PHP, verbunden mit IBM Watson. Bislang hat er alles selbst programmiert, sucht nun jedoch Programmierer, die ihm diese Arbeit abnehmen.

Auf die Frage, ob er für 300 verschiedene Rechtsbereiche 300 Chatbots programmieren musste antwortete Joshua:

„Ich fand einen Weg die Automation zu automatisieren, indem ich einen Entscheidungsbaum-Generator kreierte, zudem ein Tool zur Prüfung der Klagewürdigkeit von Anfragen, sowie ein System welches Dokumente automatisch erstellt.
Anschließend heuerte ich zwei Rechtsanwaltsfachangestellte in den USA und einen in UK an, die auf Basis meiner Systeme neue Chatbots für die 300 zusätzlichen Rechtsgebiete erweiterten.

Woher kommt das Vertrauen der Rechtsuchenden in sein System?

“Ich betreibe DoNotPay nun seit 2015 und fand heraus, dass der einzige Weg das Ganze richtig groß zu machen ist, es auf viele Rechtsgebiete zu erweitern. Dabei habe ich festgestellt, dass in einigen Rechtsbereichen Chatbots hervorragend funktionieren, in anderen weniger. Wenn ich jedoch die Rechtsgebiete anbieten kann, die man wirklich erwartet, dann kann ich damit viel Vertrauen aufbauen, wozu es auch bedarf!”

Aber wie hat er es geschafft so viele Leute davon zu überzeugen, dass seine Systeme zuverlässige Ergebnisse liefern? Nun, das Erste ist, dass seine Services kostenlos sind und deshalb niemand vermutet, dass etwas ungutes dahinterstecken könnte.

Zweitens jedoch sind Empfehlungen in der Presse und sonstigen Medien sehr hilfreich gewesen.

Das Wichtigste sind die persönlichen Empfehlungen von begeisterten Usern, die Mithilfe seiner kostenlosen Services den Kopf aus der Schlinge ziehen konnten!
„Ich habe 0 für Marketing ausgegeben!“, so Joshua. „Damit kam ich auf über 300.000 User!“

Wir fragen zu welchen 300 Rechtsgebieten er denn seinen Chatbot erweitert hat? „Grundsätzlich alles, mit dem man nicht vor Gericht gehen muss! Wie zum Beispiel die Erstellung eines Dokumentes um Mutterschaftsgeld von seinem Arbeitgeber zu erhalten. Seinen Fitnessstudio Vertrag auflösen zu können. Erstattung von Flugticket-Gebühren im Rahmen der Fluggastrechte (Anm. Das könnte flightright Gründer Philipp Kadelbach nervös machen….). Brandschutz wird, hinsichtlich des kürzlich stattgefunden fürchterlichen Brandes in London, ein weiterer Punkt werden“, so Joshua. Aber auch „alles was Kunden an (Kauf-) Rechten haben, wie z.B. Rückgabe, Gewährleistung usw.“

Die Zukunft von Joshua Browder

Joshua hat gerade sein erstes Jahr in der Stanford Law School absolviert. Über den Sommer hinweg wird er Vollzeit an seinen Projekten arbeiten und „anschließend sehen, wie’s weitergeht.“ Stanford findet er „is the greatest place – I love it!“. Er wird wohl dorthin zurückkehren… Allerdings sieht er in DoNotPay ein großes Projekt, an dem er definitiv weiterarbeiten wird!

Das Interview führte Sam Glover am 05.07.2017.

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